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Sprache verbindet, Kultur zeigt Vielfalt und Gemeinsamkeiten. Welche Zitate stehen für Europa – Sentenzen Adornos oder Hannah Arendts, eine Liedzeile der Beatles oder ein Satz aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“? In einem europaweiten Zitate-Wettbewerb hat das Goethe-Institut im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft für das Projekt „Verschwindende Wand“ Vorschläge von Bürgerinnern und Bürger gesammelt. Die schönsten wurden mehrsprachig auf 20 Zentimeter lange Holzklötze graviert und in ein 4,5 Meter hohes Plexiglasgerüst gesetzt.  

In zehn Ländern sind sie seit Ende August nach und nach auf zentralen Plätzen in 17 europäischen Städten zu sehen. Von Posen bis Nikosia, von Den Haag bis Turin. Die Besucherinnen und Besucher können einen der Klötze mitnehmen. Zurück bleibt schließlich das durchsichtige Plexiglasgerüst, die Wand aus Zitatklötzen ist verschwunden, das Trennende überwunden. 

Wie läuft die Kunstaktion vor Ort ab? Wie ist die Atmosphäre? Wie kommen die Installationen bei Bürgerinnen und Bürgern an? Wir haben bei Verantwortlichen der Goethe-Institute in Segovia, Thessaloniki und Brüssel nachgefragt. 


Segovia, 18.-19. September

Rebeca Castellano Alonso, Koordinatorin Programmabteilung, Goethe-Institut Madrid

Die Resonanz auf das Projekt war in Segovia gewaltig, innerhalb von 24 Stunden waren alle Klötzchen mit den Zitaten aus der Verschwindenden Wand verschwunden. Wahrscheinlich lag das auch daran, dass wir sie in Kooperation mit dem Hay-Festival präsentiert haben. Das ist ein großes Literaturfestival mit vielen zeitgenössischen Bestsellerautoren aus Spanien wie Irene Vallejo oder Julia Navarro. 

Wurzeln und Flügel. Lasst den Flügeln Wurzeln wachsen und die Wurzeln fliegen! (Juan Ramón Jiménez)

Zwei Tage lang stand die Verschwindende Wand auf dem Plaza Mayor, dem Marktplatz von Segovia. Gut 3000 Leute waren da. Tagesausflügler aus dem nahen Madrid, Touristen und ganz viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Es hat sich rumgesprochen, schaut mal, da ist eine ungewöhnliche Installation auf unserem Platz. Wir hatten Autoren vom Hay-Festival eingeladen, Zitate vorzulesen. Das hat viele Gespräche in Gang gesetzt. Trotz der Abstandsregelungen – nur je zwei Leute pro Seite durften an die Wand – entstand eine unglaublich lebendige Atmosphäre. Zitate wurden ausgetauscht, sich gegenseitig in den verschiedenen Sprachen vorgelesen, diskutiert. Die Menschen waren richtig ausgehungert nach Kultur, nach Begegnung. Monatelang hatten wir in Spanien einen Lockdown gehabt, danach die Sommerferien. Schnell wurde die Wand zu einem Treffpunkt für Menschen in der Stadt. Vor der Mittagszeit und frühabends bildeten sich lange Schlangen. Niemand wollte das Zitat, das er spontan aus der Wand gezogen hat, gegen ein anderes tauschen. Jeder konnte irgendetwas für sich in dem Gezogenen entdecken.

Dieses Europa darf keine Festung werden, in der wir uns vor den anderen abschotten. Es muss offen sein. (Helmut Kohl)

Berührt hat mich eine Mutter mit drei kleinen Kindern, die zaghaft auf mich zukam: Ich bin aus Marokko, darf ich auch teilnehmen an dem europäischen Projekt? Dass sie überhaupt gefragt hat. Das Thema Europa und seine Grenzen war Gegenstand vieler Gespräche auf der Plaza Mayor. Eine Gruppe junger Spanier hat sich aufgeregt: „Europa steht doch dafür, dass es keine Grenzen mehr gibt, dass alle gleich sind. Wir wünschen uns, dass es endlich gar keine Mauern mehr zwischen den Menschen gibt.“

Segovia: Wie eine Wand verschwindet


Thessaloniki, 25.-27.September

Stefanie Peter, Leiterin der Kulturprogramme in Südosteuropa, Goethe-Institut Athen

Unsere Verschwindende Wand stand an der Hafenpromenade, auf der einen Seite das Meer, auf der anderen die Stadt. Die Stimmung war konzentriert und neugierig. Die Besucherinnen und Besucher haben in Ruhe die Zitate gelesen, die auf Griechisch, Deutsch und in der Originalsprache auf den Klötzen standen. Dass hier nicht nur eine Skulptur zu bestaunen war, sondern das Publikum selbst aktiv werden sollte, kam gut an. Ich fand es beeindruckend, wie sehr sich alle darauf eingelassen haben. Wie wichtig ist doch Kultur für die Menschen.

Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden. (Rosa Luxemburg)

Eine Jury aus Theaterregisseuren, Schriftstellern und Philosophen hatte aus der Longlist des Wettbewerbs für Tessaloniki 150 Zitate ausgewählt, mit denen wir besonders die Menschen in Griechenland zu erreichen hofften. Von Sophokles über Oscar Wilde, Asterix und David Bowie bis Rosa Luxemburg. Manche waren bekannt, von anderen hatte kaum jemand zuvor gehört. Doch letztlich haben wir bei der Auswahl gemerkt: Die Zitate lassen sich verallgemeinern, sie passen zu allen Ländern – denn wir alle sind Europa.


Brüssel, 3.-4.10. & Antwerpen, 19.-20.9.

Elke Kaschl Mohni, Leiterin Südwest-Europa, Goethe-Institut Brüssel

Die Verschwindende Wand in Antwerpen und in Brüssel hätte nicht unterschiedlicher sein können. Antwerpen: 25 Grad, strahlende Sonne, ein autofreier Sonntag, stündlich geben Musiker der Oper ein kleines Konzert auf dem Platz davor. Spaziergänger flanieren vorbei, ziehen in Ruhe die Zitate aus der Verschwindenden Wand, lesen, tauschen sich aus, genießen den Spätsommer. Brüssel: Nieselregen, die Grand-Place ist am Morgen leergefegt. Erst allmählich erwacht die Innenstadt zum Leben, bald steht trotz des grauen Wetters eine lange Schlange vor dem Einlass zum Kunstwerk.

Welchen Tag haben wir? fragte Pooh. Es ist heute, quiekte Ferkel. Mein Lieblingstag!, sagte Pooh. (Alan Alexander Milne)

In Brüssel kamen insgesamt etwa 4500 Besucher, viele Familien mit Kindern waren dabei. Wir wurden mit Fragen gelöchert, das Interaktive hat die Menschen beflügelt. Es war eine wunderbar entspannte, kontemplative Stimmung. Vielleicht gerade durch Corona und die strengen Sicherheitsauflagen. Sonst wäre es vermutlich viel zu voll gewesen, um die Skulptur genießen zu können. Und wo gibt es derzeit schon solche Live-Kultur-Veranstaltungen? Die Menschen waren achtsamer, ruhiger, maximal fünf standen an einer Wandseite und lasen sich Zitate vor. Wie klingt das auf Französisch, Niederländisch, Deutsch? Bei der Auswahl der Zitate war uns die Vielfalt von Themen, Sprachen und Ländern wichtig gewesen und ein ausgewogener Mix von männlichen und weiblichen Zitatgebenden.  

Wir haben unterschiedliche Geschichten, darauf sollten wir bestehen, und wir sollten anfangen, uns diese Geschichten zu erzählen. (Christa Wolf)

Mit dem Kunstwerk haben wir wirklich eine breite Öffentlichkeit erreicht. Spielerisch kamen Diskussionen über ernste Themen in Gang: 30 Jahre Wiedervereinigung, 30 Jahre Europäische Neuordnung. Was heißen Mauern heute für Europa, was bedeutet uns Solidarität in Europa? Für mich hat sich das selten so wunderbar verdichtet wie am Abend des 3. Oktober. Es nieselte immer noch, die deutsche Botschaft in Brüssel hatte eine Lichtshow zu 30 Jahren Wiedervereinigung organisiert. Die Grand-Place und die Verschwindende Wand waren festlich angestrahlt, die Musik  spielte „Wind of Change“ von den Skorpions und Hunderte von Menschen standen – mit Sicherheitsabstand - friedlich vereint beisammen.

Weitere Informationen über das Kulturprogramm zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft finden Sie hier.