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Vergangenen Sonntag fand in Breslau die dritte Europaküche statt, heute treffen sich Menschen im griechischen Chania zum gemeinsamen Tafeln am Hafen. Das Projekt „Europaküche“ des Goethe-Instituts ist Teil des Kulturprogramms der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Elf Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa organisieren zwischen August und Dezember 2020 Begegnungen in privaten und öffentlichen Küchen in elf europäischen Städten. Die deutsch-indisch-britische Schriftstellerin Priya Basil ist Kuratorin dieser besonderen Veranstaltungsreihe.

Europaküche Breslau: Kochteam von Food Think Tank, Durchgang zum Nationalmuseum, Begrüßung von Kuratorin Priya Basel (oben, v.l.), Kunstobjekte Vasen mit Rissen, Münder aus Keramik (li und re), Dinner bei Kerzenschein (Mitte) © Herr Willie
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Am Sonntag haben Sie in Breslau zur polnischen Europaküche geladen. Wie schmeckt Europa?

Ganz wunderbar. Vielfältig, würzig, manchmal überraschend.

Was stand auf der Speisekarte?

Schmetterlingsnudeln mit getrockneten Pilzen, Liebstöckel und Sauerkraut, Salat mit Honigsauce und Käse und ein ganz und gar herrliches Brot. Wir haben nicht selbst gekocht, sondern ein polnisches Kollektiv namens Food-Think Tank beauftragt. Basis für das Menü war eine Online-Umfrage, die ich Wochen vor der Europaküche unter Polen in ihrer Heimat und in anderen europäischen Ländern gemacht hatte: Wie schmeckt Europa für euch? Was wäre Ihre spezielle Zutat, um Europa zu verbessern? Die meisten Polen haben gesagt: Wenn alle Europäerinnen und Europäer nur mal unser Brot probieren würden, würden sie verstehen, wie bereichernd Polen für Europa ist. Deshalb hat uns das Team vom Food-Think-Tank ein polnisches Brot mit Getreidesorten aus ganz Europa gebacken. 

Und das Dinner wurde auf besondere Weise präsentiert. 

Ja, auch symbolische Zutaten waren Teil der Komposition. Wir hatten Studierende der Kunstakademie Breslau gebeten, die Ergebnisse unserer Online-Umfrage künstlerisch zu interpretieren. Eine Studentin entwarf eine Art symbolischer Saftmaschine, die aussah als ob damit die Essenz aller Geschmäcker Europas destilliert werden könnte. Die Botschaft: Es liegt an uns zu definieren, wie Europa schmeckt. Wie aufmerksam sind wir, was schmecken wir heraus? Wie offen sind wir, dazuzulernen? Eine andere Künstlerin formte Keramikvasen voller Risse. Sie zeigen, wie erst durch Fehler, durch das Unperfekte echte Schönheit entsteht. Ihre Objekte sind eine Widerrede gegen die nationalistische Idee von Reinheit, die jetzt überall in Europa wiederauftaucht. Eine andere Studentin gestaltete Geschirr in Mundformen. Die Münder haben sehr unterschiedliche Ausdrücke, sie stehen im Dialog mit dem Essen - ein Dialog, der um so bereichernder ist, je mehr Perspektiven er zusammenbringt. Durch die Kunst wurde das Essen zu einer besonders intensiven sinnlichen Erfahrung.  

Es liegt an uns zu definieren, wie Europa schmeckt. Wie aufmerksam sind wir, was schmecken wir heraus? Wie offen sind wir, dazuzulernen?

Sie sind Kuratorin des gesamten Projektes Europaküche, das das Goethe-Institut als Teil des offiziellen Kulturprogramms zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft initiiert. Warum ist gemeinsames Kochen und Essen so wichtig, gerade in Europa?

Für mich ist der Begriff Gastfreundschaft zentral, über den ich im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben habe. Mit Gastfreundschaft meine ich dabei mehr, als zuhause Gäste zu bewirten. Der Begriff ist ebenso privat wie politisch: Wie gehen Menschen miteinander um, wie gestalten Länder das Miteinander? Ich sehe Gastfreundschaft als eine Methode und eine Praxis. Wer bereit ist, Gastfreundschaft zu üben, weitet seinen Blick für die Welt. Und indem ein Gastgeber ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt, gestaltet er oder sie diese Welt mit. Der französische Philosoph Jacques Derrida spricht von „bedingungsloser Gastfreundschaft“. Er plädiert für eine offenes Willkommen, das wenig plant, sondern auf Zuhören setzt, den anderen viel Raum gibt. So entdeckt man viel mehr, Unerwartetes geschieht. Mit der Europaküche wollen wir so einer Gastfreundschaft in Europa Raum geben und den Menschen ermöglichen, das Verbindende zu erleben. Gerade jetzt in der Pandemiezeit, wo unsere Möglichkeiten zusammenzukommen begrenzt sind. 

Was verändert es, wenn Menschen am Tisch zusammenkommen?

Es ist sehr intim, wenn wir zusammen an einem Tisch sitzen. Beim Essen sind alle Sinne angesprochen, deshalb fühlt man sich anders, deshalb spricht man anders. Es können besondere Gespräche entstehen. Ich beobachte derzeit einen Mangel an Sinnlichkeit in unseren Gesprächen über Europa und die europäische Einheit. Wir sprechen viel über Wirtschaft und Politik, aber wenig über Zugehörigkeit und unsere Gefühle. Natürlich ist das neue Konjunkturpaket enorm wichtig, aber wir brauchen auch die kleinen Begegnungen, in denen sich unser Europa-Gefühl entwickelt. Dafür ist das Zusammensitzen am gedeckten Tisch ein optimaler Rahmen. 

Ich beobachte einen Mangel an Sinnlichkeit in unseren Gesprächen über Europa. Wir brauchen die kleinen Begegnungen, in denen sich unser Europa-Gefühl entwickelt. 

Sie haben sich allerdings nicht bei Bürgerinnen oder Bürgern in der Küche getroffen, sondern im Museum.

Ja, denn wegen der Pandemie brauchten wir Räume, in denen mehr Abstand möglich ist. Das Café des Nationalmuseums in Breslau war ideal. Es war abends, die Geschäfte hatten geschlossen. Alle waren etwas aufgeregt, weil sich in diesem wunderschönen Museum außerhalb der Öffnungszeiten sonst keine Menschen aufhalten dürfen, erst recht nicht bei Kerzenschein und gedecktem Tisch. Schon das hat uns 14 Teilnehmer verbunden, zwei davon hatten auf einer Social Media Website per Los ihre Einladung erhalten, andere Gäste waren gezielt eingeladene Aktivistinnen und Aktivisten und politisch engagierte Menschen. Die Gäste konnten selbst entscheiden, wo sie sitzen wollten und zwischendurch die Plätze wechseln. Es war beeindruckend, wie schnell Gespräche in Gang kamen. 

Über Europa?

Genau, über die europäische Einheit zum Beispiel, die Sorge um Exits anderer europäischer Länder oder das Leben während der Pandemie. Wir konnten auch offen Probleme ansprechen. So erzählten zwei LGBTI-Aktivisten unter den Teilnehmenden, dass sie auf dem Weg zum Museum beleidigt worden waren. In der Gemeinschaft am Tisch aber fühlten sie sich aufgehoben und wertgeschätzt. 

Sie haben die Veranstaltung in Breslau selbst gestaltet, an zehn anderen Orten der EU inszenieren andere die Europaküche – auf äußerst unterschiedliche Weise.

Das war mein Ziel, ich habe sehr unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler angesprochen. Sie sollten ihre Projekte frei entwickeln. Einzige Vorgabe: Es muss sich um die Küche und das Zusammenkommen von Menschen in Europa drehen. Küche wurde von vielen dann eher als eine Art Labor interpretiert, in dem verschiedene Zutaten gemixt werden und so etwas Neues entsteht. Für Marinella Senatore aus Italien etwa sind die Zutaten Geräusche und Sounds der Bürgerinnen und Bürgern von Ljubljana. Am 30. Oktober serviert sie eine Komposition der Sounds, die auf den Straßen von Laibach von der Projektleiterin der Europaküche, Eva-Maria Kleinschwaerzer, persönlich gesammelt wurden - als Symphonie auf die Stadt. In Marseille kreiert die Kroatin Ivana Sajko mit Kindern ein Theaterstück über Wege des Zusammenseins. Und an diesem Wochenende baut der deutsche Künstler Mischa Leinkauf im griechischen Chania mit Studierenden einen Tisch aus Treibholz und lädt die Einwohner der Stadt drei Tage lang zum Tafeln an den Hafen der Stadt. Zehn Tage lang hat er seine Arbeit vor Ort vorbereitet. Durch die Pandemie haben viele Künstler mehr Zeit, sich ihrem Projekt zu widmen, ungeheure Werke sind entstanden. Das berührt mich sehr. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen die Europaküche in diesen Zeiten der Pandemie umso mehr brauchen und schätzen. 

Bei allen unterschiedlichen Herangehensweisen - Was macht die Gastfreundschaft in Europa für Sie besonders?

Im Politischen Sinne: die Freizügigkeit. Nirgendwo sonst auf der Welt hat seit dem 20. Jahrhundert eine Staatengemeinschaft entschieden, dass sich ihre Bürgerinnen und Bürger so frei bewegen und anderswo arbeiten können, ohne andere um Erlaubnis bitten zu müssen.  Das ist Gastfreundschaft, wie ich sie mir wünsche. 

Brot ist typisch Europa. Für mich ist es ein schönes Bild, dass Menschen überall in Europa Brot essen. Darüber sind wir irgendwie verbunden.

Was die Gastfreundschaft am Tisch angeht – nun, nach diesem Projekt werde ich nie wieder Brot essen können, ohne an Europa zu denken. In Umfragen sagen alle: Brot ist wichtig. Brot ist typisch Europa. Und jedes Land denkt: Wir machen das beste Brot. Für mich ist es ein schönes Bild, dass Menschen überall in Europa Brot essen. Darüber sind wir irgendwie verbunden. Ich habe mich immer gefragt, mit welchen Ritualen wir Europäer unsere Einheit üben könnten. Vielleicht ist es das: gemeinsam Brot zu brechen. Nicht zufällig hat bisher bei allen Europaküchen Brot eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe für die Veranstaltung in Wrocław eine Kurzgeschichte geschrieben, die von Brot in Europa inspiriert ist. In Kopenhagen reichte die Portugiesin Patricia Portela allen Gästen zu Beginn Brot mit Salz: „Werft das Salz über die Schulter und wünscht euch was – für Europa.“

Weitere Informationen über das Kulturprogramm zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft finden Sie hier oder im folgenden Film.

Das Kulturprogramm der deutschen EU-Ratspräsidentschaft