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Video zu 30 Jahre Deutsche Einheit


Wie sehen die Europäer die Deutschen, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung? Vier Auslandskorrespondenten teilen ihre Ansichten

Der Franzose Pascal Thibaut hat die deutsche Wiedervereinigung in Berlin hautnah miterlebt. Damals wie heute gibt er als Auslandskorrespondent seine Sicht auf die Bundesrepublik an seine Landsleute weiter. Wie er die Deutsche Einheit sieht was er den Deutschen zu diesem wichtigen Jubiläum wünscht, erzählt Thibaut im Interview.

Pascal Thibaut ist Deutschlandkorrespondent von Radio France Internationale und lebt seit 1990 in Berlin © Screenshot/Bundesregierung
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Herr Thibaut, was ist das Erste, was Ihnen einfällt, wenn Sie an Deutschland denken – verbinden Sie eine persönliche Anekdote mit unserem Land?

Pascal Thibaut: Am 22. Dezember 1989 stand ich hier am Brandenburger Tor, als es wiedereröffnet wurde. Es war sehr voll und ein historisches Ereignis, das für mich persönlich einen Bogen zu meiner frühsten Kindheit spannt: Auf einem alten Familienfoto liege ich als Baby in den Armen eines älteren deutschen Herren. Eine Familie aus unserer Städtepartnerschaft Gundersheim in Rheinland-Pfalz war zu Gast bei uns in Selongey nahe Dijon. Hinter diesem Mann, der im Krieg als Soldat diente, steht mein Großonkel, der in deutscher Kriegsgefangenschaft war. So sieht Versöhnung im Kleinen aus.

Wie erleben Sie das geeinte Deutschland nach 30 Jahren Wiedervereinigung?

Thibaut: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland von außen betrachtet eine Nation wie viele andere. Gleichzeitig gibt es nach drei Jahrzehnten immer noch viele Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland – kulturell, sozial, politisch. Diese zu beleuchten, ist eine sehr interessante Aufgabe für einen Auslandskorrespondenten.

Welche Wirkung hatte die Wiedervereinigung in Deutschland Ihrer Meinung nach auf Europa?

Thibaut: Die deutsche Wiedervereinigung hat den europäischen Einigungsprozess beschleunigt. Zu nennen sind hier beispielsweise der Maastricht-Vertrag, die Einführung des Euro unter Mitterand und Kohl und die EU-Osterweiterung.

Die deutsche Wiedervereinigung hat aber auch das Gleichgewicht innerhalb des Kontinents verändert. Viele Länder, so auch meine französische Heimat, sahen nach dem Kalten Krieg ihre besondere Stellung in Frage gestellt. Frankreich musste plötzlich sehen, wie es mit diesem größeren und stärkeren Nachbarn zurechtkommt. Das hat das deutsch-französische Verhältnis geprägt.

Was bedeutet Deutschland konkret für Ihr Heimatland – kennen Sie die Wünsche an Deutschland für die Zukunft?

Thibaut: Für meine Heimat Frankreich ist Deutschland der wichtigste Partner. Es gibt keine zwei Länder auf dieser Welt, die auf allen Ebenen so viele Kontakte pflegen: politisch, zivilgesellschaftlich, kulturell, sportlich. Gleichzeitig gibt es insbesondere auf französischer Seite Unkenntnisse, die dazu führen, dass sich Missverständnisse entwickeln und alte Vorurteile wiederauftauchen. Genauso wie Deutschland noch an der Vollendung der menschlichen Wiedervereinigung arbeiten muss, müssen auch Deutschland und Frankreich noch an ihren Beziehungen arbeiten.

Was ist Ihrer Meinung die größte Schwäche und die größte Stärke der Deutschen?

Thibaut: Die größte Schwäche Deutschlands ist sicherlich die Neigung, das deutsche Modell als das Beste zu betrachten. Das beschleunigt Reformen nicht unbedingt und manche im Ausland erachten das als arrogant. Eine Stärke Deutschlands ist die Fähigkeit, Probleme anzupacken und viele Akteure zusammenzutrommeln, damit man Kompromisse findet, die dann gelten und das Land vorwärtsbringen. 

Was wünschen Sie den Deutschen abschließend für die nächsten 30 Jahre Einheit?

Thibaut: Für die nächsten 30 Jahre Einheit kann man nur hoffen, dass Deutschland menschlich wiedervereinigt wird und das Trennende zwischen Ost und West in den Hintergrund tritt. Oder zumindest, dass die Unterschiede genauso unwichtig werden wie andere regionale Unterschiede in der Bundesrepublik – wie zwischen Nord und Süd oder Bayern und Nordrhein-Westfalen. Die Vielfalt ist eine Stärke Deutschlands, selbst wenn das Land auch Schwächen hat.

Pascal Thibaut ist seit 1997 Deutschlandkorrespondent von Radio FranceInternationale. Zuvor war er als freier Journalist tätig. Er war von 2009 bis 2010 und von 2014 bis 2020 Vorsitzender des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland. Thibaut, der seit 1990 in Berlin lebt und arbeitet, studierte am renommierten Institut d'études politiques de Paris (Sciences Po) und schloss ein Journalismusstudium am Centre de formation des journalistes (CFJ) in Paris ab.​​​​​​​

'Den Osten Europas entdecken' - Rosalia Romaniec, Deutsche Welle

Mehr ostdeutsche Blickwinkel in der gesamtdeutschen Erzählung - das wünscht Rosalia Romaniecs den Deutschen zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung. Außerdem wünscht sich die gebürtige polnische Journalistin, dass mehr Deutsche den Osten Europas entdecken und sich damit auseinandersetzen. Denn: Kulturell seien sich Polen und Deutsche ähnlicher als sie denken.

Die Journalistin mit polnischen Wurzeln, Rosalia Romaniec, leitet das Hauptstadtbüro der Deutschen Welle. © Screenshot/Bundesregierung
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Frau Romaniec, was ist das Erste, was Ihnen einfällt, wenn Sie an Deutschland denken – verbinden Sie eine persönliche Anekdote mit unserem Land? 

Rosalia Romaniec: Offenheit, Toleranz, liberales Denken - das fällt mir heute zu Deutschland sofort ein. Und es ist seit ein paar Jahren ein Land, das auch überraschen kann, zum Beispiel mit einem Satz wie „Wir schaffen das“. Damit überraschte Deutschland die ganze Welt. Es zeigte auf einmal ein komplett neues deutsches Gesicht, eben kein strenges, sondern ein sehr menschliches. 

Ich bin auch noch in den 80er-Jahren mit einem Bild von Deutschland aufgewachsen, das sehr vom Zweiten Weltkrieg geprägt war. In meinen Schulbüchern war Deutschland vor allem das „Land der Täter“.  

Dann kam ich Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland und habe ein sehr multikulturelles und vielfältiges Land kennengelernt. Es war bei weitem nicht so tolerant und offen wie heute. Aber ich war schon damals sehr positiv überrascht. Gerade die Stadt Heidelberg, in der ich als Studentin gelandet bin, war wie ein Schmelztiegel der Nationen und trotzdem ein sehr deutsches Städtchen. Da habe ich beides gefunden. Dort fühlte ich mich sofort zuhause. Das ist heute noch so. Ich lebe in Berlin, aber wenn ich nach Heidelberg komme, ist das meine kleine, deutsche Heimat. 

Wie erleben Sie das geeinte Deutschland nach 30 Jahren Wiedervereinigung? 

Romaniec: Von außen gesehen ist Deutschland heute natürlich ein geeintes, ein liberales, ein offenes Land. Aber von innen betrachtet, spürt man noch eine Spaltung. Manchmal frage ich mich, warum so wenig von dem ostdeutschen Narrativ in der gesamtdeutschen Erzählung zu finden ist. Zum Beispiel, wo sind die Vorstände großer Unternehmen, die Verfassungsrichter, die Chefredakteure, die Hochschulleiter mit ostdeutschen Biografien? Ich staune darüber, dass man nach 30 Jahren noch nicht weitergekommen ist. Ich glaube, die Aufgabe für die nächsten 30 Jahre wäre, das deutlich zu ändern. Dies würde dem Land guttun. 

Welche Wirkung hatte die Wiedervereinigung in Deutschland Ihrer Meinung nach auf Europa? 

Romaniec: Als gebürtige Polin würde ich sagen: In Polen hat die friedliche Revolution in Europa begonnen, in Deutschland ist sie zu einem Ende gekommen. Die Deutsche Einheit war auch ein Geschenk einiger Länder an die Deutschen. Sie stimmten der Einheit zu, obwohl viele Angst vor dem übergroßen, vereinten Deutschland hatten. 

Gleichzeitig war die Deutsche Einheit auch ein Geschenk an Europa. Ohne sie wäre Europa nie so zusammengewachsen. Dank der deutschen Wiedervereinigung sitzen wir jetzt alle in einem Boot. Und Deutschland ist heute mein zweites Heimatland geworden. 

Was bedeutet Deutschland konkret für Ihr Heimatland – kennen Sie die Wünsche an Deutschland für die Zukunft?

Romaniec: Deutschland und Polen verbindet vor allem eine sehr schwierige Geschichte. Auch viele Jahrzehnte danach prägt sie das Verhältnis – sowohl der Länder, als auch der Menschen. Für viele polnische Familien bleibt Deutschland auch im Jahr 2020 ein Land, das Unheil über ihr Land und Europa brachte. 

Gleichzeitig ist Deutschland Polens wichtigster Partner in Europa – wirtschaftlich und politisch. Und kulturell sind sich Polen und Deutsche ähnlicher als sie denken. Sie empfinden es nur nicht so, da der Zweite Weltkrieg diese Fremde schuf, die sehr lange hält.  

Interessant finde ich, dass Polen sich vor 30 Jahren viel näher den Westdeutschen fühlte. Ostdeutschland lag vor der Tür, war aber fremd. Heute ist es anders. Die Zusammenarbeit an der Grenze hat vieles zum Positiven geändert. 

Welche Wünsche Polen an Deutschland hat? Dass Deutschland wirtschaftlich stark bleibt – vom deutschen Wohlstand hängt vieles ab. Aus persönlicher Perspektive kann ich sagen: Wenn ich mit meiner Mutter, die in Polen lebt und kein Wort deutsch spricht, über Deutschland rede, sagt sie: „Ich hoffe, dass Deutschland so ein menschenfreundliches Land bleibt“. Für sie war die „Willkommenskultur“ ein Schlüsselmoment in ihrer Wahrnehmung der Deutschen. Seither sieht sie das Land vor allem als sehr liberal und menschenfreundlich. Und sie wünscht sich, dass es so bleibt. Ich auch. 

Was ist Ihrer Meinung die größte Schwäche und die größte Stärke der Deutschen?  

Romaniec: Die größte Schwäche ist der Hang zur Überregulierung: für alles eine Regel. Es gibt Situationen, in denen der menschliche Verstand viel besser wäre und schneller zum Ziel führen würde.  

Deutsche Stärken sind die Wirtschaft, die Vielfalt, der Pragmatismus. Diese Mischung erzeugt eine Bewegung nach vorne. Ich mag die deutsche Leidenschaft für Technik und Präzision - das ist hier wirklich besonders ausgeprägt. Auch bei der deutschen Sprache! Ich spreche mehrere Sprachen - aber so etwas wie ein „Lebens-Abschnitts-Gefährte“ und ähnliche Konstruktionen sind in ihrer Exaktheit nicht zu toppen. Faszinierend! Nur ein Wort beschreibt eine halbe Lebensgeschichte. Ansonsten funktioniert in Deutschland einfach Vieles. Man soll es in Zukunft besser nutzen, zum Beispiel für die Umwelt. 

Was wünschen Sie den Deutschen abschließend für die nächsten 30 Jahre Einheit?  

Romaniec: Ich wünsche Deutschland, dass es seine starke Zivilgesellschaft behält. Das ist unser Fundament. Dieses Land entwickelt sich auch deshalb so gut, weil sich so viele Menschen engagieren und für etwas einstehen. 

Ich wünsche, dass der Westen des Landes begreift, dass der Osten seine eigene Identität mitgebracht hat und sie eine Bereicherung für alle ist. Nur so wächst zusammen, was zusammengehört. 

Ich wünsche, dass die Deutschen von ihren Nachbarn lernen: zum Beispiel, dass „la dolce vita“ nicht an der italienischen Grenzen aufhört, dass man für ein gutes Steak mehr ausgeben muss, dass mehr Leichtigkeit des Seins nicht schadet. 

Ansonsten wünsche ich mir noch, dass mehr Deutsche den Osten Europas entdecken und sich damit auseinandersetzen. Es hat viel mehr mit ihnen zu tun, als sie denken. Und es liegt vor der Tür! Für manche sind aber die Seychellen immer noch näher als Warschau.

Rosalia Romaniec leitet seit Februar 2020 das Hauptstadtbüro der Deutschen Welle. Dort war sie bereits vorher für die Bereiche Politik und Östliches Mitteleuropa verantwortlich. Zuvor arbeitete sie 20 Jahre als freie Autorin für verschiedene deutsche und polnische Medien, unter anderem für das polnische Programm der Deutschen Welle, mehrere ARD-Rundfunkanstalten und die Zeitung Gazeta Wyborcza. Von 2006 bis 2008 war sie Vorsitzende des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland.

Die Wiedervereinigung Deutschlands habe gezeigt: „Egal, was oder wie unterschiedlich unsere Vergangenheit war, unsere Zukunft wird gemeinsam sein“, sagt die slowenische TV-Korrespondentin Polona Fijavž im Interview. Damals wie heute sieht sie Solidarität als Schlüssel: Nur solidarisch könne Europa die Herausforderungen der Corona-Pandemie bewältigen und auch weiter zusammenwachsen.

Polona Fijavž ist seit 2015 in Berlin Korrespondentin von RTV Slowenien, dem öffentlichen slowenischen Fernseh- und Radiosender. © Screenshot/Bundesregierung
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Was ist das Erste, was Ihnen einfällt, wenn Sie an Deutschland denken – verbinden Sie eine persönliche Anekdote mit unserem Land? 

Polona Fijavž: Wenn ich an Deutschland denke, ist der erste Gedanke Verantwortung, das Bewusstsein, wie wichtig jeder Einzelne ist und der Respekt für- und voreinander. Ich denke daran, wie pünktlich die Deutschen sind – mit Ausnahme der Züge. Und wie sie wissen, was sie wollen und wie sie darauf hinarbeiten.

Ich finde es allerdings immer noch komisch, wie die Deutschen alles im Voraus planen, Monate, Jahre, sogar Jahrzehnte im Voraus. Aber die Wiedervereinigung konnte auch die Deutschen nicht planen.

Wie erleben Sie das geeinte Deutschland nach 30 Jahren Wiedervereinigung?

Fijavž: Noch heute erlebe ich das geeinigte Deutschland als totales Unicum in der Welt. Es ist immer noch nicht ganz zusammen gewachsen, was zusammen gehört. Doch nur wer tiefe Einblicke hat, kann einen Unterschied erkennen. Ich glaube, dass die ehemaligen Ostdeutschen, die älteren Generationen, noch immer Schwierigkeiten haben, sich einzufügen, da Westdeutschland ihr Land quasi übernommen hat. Es ist trotzdem erstaunlich, wie sie es geschafft haben, sich mit einem völlig anderen System zu synchronisieren.

Und der Schlüssel damals war die Solidarität. Das hat Deutschland erkannt und hat das auf die europäische Ebene verschoben. Dies zeigt zum Beispiel auch die momentane Coronakrise: Nur Solidarität kann Europa näher zusammenbringen. Das finde ich ganz wichtig, weil Deutschland eine wichtige Rolle für Europa hat. Deutsche Politiker sind in der Lage, den Ton zu verändern. Statt nationale Egoismen zu verteidigen, verfolgen sie eine ehrgeizige Politik für Europa. Was im kleineren Maßstab mit Ostdeutschland begann – nämlich, dass zusammen wächst, was zusammen gehört – wächst nun in Europa weiter zusammen.

Welche Wirkung hatte die Wiedervereinigung in Deutschland Ihrer Meinung nach auf Europa? 

Fijavž: Die Wiedervereinigung Deutschlands hat uns allen etwas Wichtiges gezeigt: Egal, was oder wie unterschiedlich unsere Vergangenheit war, unsere Zukunft wird gemeinsam sein: Ost- und Westdeutschland mit zwei diametralen entgegengesetzten Systemen konnten zusammenwachsen. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass auch Europa mit seiner unterschiedlichen Geschichte, Perspektiven, auch unterschiedlichen Meinungen, zusammenwachsen kann – mit etwas Solidarität.

Was bedeutet Deutschland konkret für Ihr Heimatland – kennen Sie die Wünsche an Deutschland für die Zukunft?

Fijavž: Ich denke, dass Deutschland in Slowenien für Stabilität steht und in vielen Bereichen immer noch als Vorbild gilt. Wir fragen uns immer wieder: Wie funktioniert das in Deutschland. Wie wird das eigentlich in Deutschland gemacht? Und wir gehen selbstverständlich davon aus, dass es uns gut geht, solange es Deutschland gut geht. Solange Deutschland eine Perspektive, einen Plan hat, solange es Europa als einen Organismus sieht. Deutschland gibt sehr oft anderen Ländern eine Orientierung. Selbst wenn wir auf dem Weg ausrutschen, wir haben Deutschland immer irgendwie am Horizont.

Deutschland ist als so mächtiger Staat Europas ein wichtiger Leuchtturm in der Welt. Dies gilt gerade in Fragen des Sozialstaats, der öffentlichen Gesundheit und des Schulwesens. In Slowenien und auch in den anderen Ländern Europas wünschen wir uns ein mutigeres Deutschland, das manchmal mehr Verantwortung und Führung übernimmt.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Schwäche und die größte Stärke der Deutschen?

Fijavž: Die größte Schwäche ist die Überheblichkeit der Deutschen. Manchmal glauben sie, ihr Weg sei der einzig Richtige. Sie sehen sich selbst als härtere Arbeiter als andere und schauen von oben herab auf Südeuropa. Im restlichen Europa wäre man zutiefst dankbar und glücklich, wenn die Deutschen erkennen würden, dass wir in Europa gerade durch unsere Verschiedenartigkeit großartig sind. Dass es unsere Stärke, unser Glück und unser Zugewinn ist, dass die Dinge anderswo anders funktionieren und dass dies so in Ordnung ist.

Die größte Stärke der Deutschen ist ihr gesunder Menschenverstand und ihr Respekt gegenüber anderen Menschen. Wir brauchen Deutschland, um diesen Respekt vor- und füreinander zu bewahren, und um die anderen in Europa daran zu erinnern, wenn sie ihn verlieren.

Was wünschen Sie den Deutschen abschließend für die nächsten 30 Jahre Einheit?

Fijavž: Ich wünsche den Deutschen, dass sie in den nächsten 30 Jahren die Menschenrechte, die Arbeitnehmerrechte, die Demokratie, die freien Medien, den Sozialstaat und die öffentliche Gesundheit verteidigen – also die Werte, auf denen Europa aufgebaut wurde. Deutschland als stärkste europäische Nation zeigt uns, dass dies jeden einzelnen Tag möglich und machbar ist. Dieses vereinte Deutschland bleibt ein Protagonist für ein vereintes Europa, um demokratisch und verantwortungsbewusst zu bleiben, so wie sie es jetzt sind.

Polona Fijavž ist seit 2015 in Berlin Korrespondentin von RTV Slowenien, dem öffentlichen slowenischen Fernseh- und Radiosender. Sie berichtet nicht nur über Deutschland, sondern auch über Polen, Island und Tschechien. Zuvor war sie 15 Jahre ebenfalls für RTV Slowenien für die Auslandsberichterstattung über den östlichen Mittelmeerraum – Türkei, Zypern, Bulgarien – zuständig. Zudem war Fijavž Redakteurin und Moderatorin der Auslandsnachrichtensendung Globus zur Hauptsendezeit und berichtete regelmäßig für den CNN World Report. Sie studierte Philosophie und Soziologie in Ljubljana.

Tonia Mastrobuoni ist in Italien aufgewachsen. Ihre Sommerferien verbrachte sie regelmäßig in Deutschland. Auf einer Klassenfahrt nach dem Fall der Mauer verliebte sie sich in Berlin. Die deutsch-italienische Journalistin gibt im Interview einen ganz persönlichen Blick auf die Deutsche Einheit. Und sie findet: „Die größte Stärke der Deutschen ist der Zusammenhalt.“

Die Italienerin mit deutschen Wurzeln,Tonia Mastrobuoni, ist seit 2014 Deutschlandkorrespondentin in Berlin. © Screenshot/Bundesregierung
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Was ist das Erste, was Ihnen einfällt, wenn Sie an Deutschland denken – verbinden Sie eine persönliche Anekdote mit unserem Land?

Tonia Mastrobuoni: Das Erste, was mir da einfällt, sind meine Großeltern. Ich hatte nämlich eine deutsche Mutter und bin im Sommer und im Winter immer nach Deutschland gefahren, also nach Nordhorn an der holländischen Grenze. Damit verbinde ich sehr schöne Erinnerungen an meine Kindheit. Ich habe dort Fahrradfahren gelernt und ich habe Englisch gelernt. Es gab dort holländisches Fernsehen, das die Filme im Originalton mit Untertiteln übertragen hat.

Aber es gibt auch ein paar negative Erinnerungen. In dieser Zeit habe ich zum Beispiel auch gelernt, dass die Italiener und die Türken in der 70er-Jahren noch als Spaghetti und Kanacken beschimpft wurden. Und ich hatte einen Nachbarn, der dachte, die Italiener stinken. Einfach weil wir Italiener sind.

Aber 1990 bin ich mit der Schule zurück nach Berlin gekommen, da war die Mauer gerade gefallen. Ich stand irgendwann an der Friedrichstraße und es war ein einziger grauer Streifen. Das war irgendwie eine dominante Farbe in der DDR. In Prenzlauer Berg habe ich dann unter dieser braun-grauen, sehr oft bröckelnden Fassade eine sehr schöne Architektur entdeckt: wunderschöne Häuser aus der Gründerzeit. Da habe ich mich auch unsterblich in Berlin verliebt.

Heute ist es ja ganz anders. Berlin ist eine sehr bunte Stadt. Ich lebe hier schon seit vielen Jahren und Berlin ist das bunteste, was man in Europa erleben kann.

Wie erleben Sie das geeinte Deutschland nach 30 Jahren Wiedervereinigung?

Mastrobuoni: Bemerkenswert ist doch, wie schnell Ostdeutschland integriert wurde. Ich komme aus Italien und da haben wir es in 150 Jahren nicht geschafft, Süditalien wirklich zu integrieren.

Das Zweite, was mir einfällt, sind die Ängste, die man damals hatte. Es gab Ängste vor dem neuen großen Deutschland. Ich kann mich an Giulio Andreotti, unser Premierminister zu der Zeit, erinnern. Er sagte: „Wir lieben Deutschland so sehr, dass wir lieber zwei davon haben.“ Und Magret Thatcher ging noch weiter, sie sagte: „Wir haben Deutschland zweimal besiegt, wir möchten es nicht auch noch ein drittes Mal besiegen.“ Nach 30 Jahren wissen wir, diese Ängste waren völlig unbegründet.

Welche Wirkung hatte die Wiedervereinigung in Deutschland Ihrer Meinung nach auf Europa?

Mastrobuoni: Deutschland ist nach 30 Jahren eine der solidesten Demokratien der Welt. Es steht für viele Werte, auf die wir die westlichen Demokratien aufgebaut haben. Es steht für Freiheit, Demokratie, Liberalismus, Toleranz - auch für Solidarität in der letzten Zeit.

Zum Zweiten glaube ich, dass es wichtig ist, dass Deutschland mit der Wiedervereinigung einige Prozesse in Europa beschleunigt hat. Wir wissen, es gab damals ein Abkommen zwischen dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand und Kohl. Mitterrand hat der Wiedervereinigung zugestimmt und hat gesagt, „gut damit beschleunigen wir auch das geeinte Europa und eine gemeinsame Währung“. Und heute ist der Euro eine der erfolgreichsten Währungen der Welt. Eine sehr starke und solide Währung.

Und zum Dritten glaube ich - was ein wenig unterschätz wird -, ist die Aufarbeitung der DDR-Diktatur wichtig. Sie geschah im Herzen Europas. Im wiedervereinigten Deutschland. Diese Aufarbeitung der DDR-Diktatur in Deutschland war sehr wichtig, um zu verstehen, wie brutal diese Unrechtsstaaten jenseits des Eisernen Vorhangs waren. Dieser Prozess in Deutschland war sehr wichtig für die Aufklärung der Unrechtsstaaten.

Was ist Ihrer Meinung die größte Schwäche und die größte Stärke der Deutschen?

Mastrobuoni: Die größte Stärke der Deutschen ist der Zusammenhalt. Ich komme aus einem Land der Individualisten, Italien. Ich meine damit, dass in einigen Momenten die Politik, die Gewerkschaften, die Kirche zusammenhalten, um zum Beispiel eine sehr schwierige soziale Situation zu überwinden. Ein Beispiel ist der historische Strukturwandel in der Ruhr. Das finde ich bewundernswert an den Deutschen. Dieser Zusammenhalt kann auch sehr tückisch werden, wie man im Fall Volkswagen sieht.

Der Deutsche hat einen großen Sinn für das Öffentliche. Den hat der Italiener viel weniger. Das liebe ich an den Deutschen. Das ist eben eine Stärke, aber auch eine Schwäche der Deutschen. Die Liebe für das Öffentliche geht manchmal über zur sozialen Kontrolle. Erst seit ich in Deutschland lebe, habe ich Probleme mit den Nachbarn. Der nörgelnde Nachbar ist einfach eine Plage, das ist wirklich ein deutsches Phänomen. Und das finde ich etwas traurig.

Was bedeutet Deutschland konkret für Ihr Heimatland – kennen Sie die Wünsche an Deutschland für die Zukunft?

Mastrobuoni: Deutschland ist das einflussreichste und wichtigste Land in Europa. Es kann viel bewirken, um die notwendige Integration weiterzubringen. Dies hat man auch bei der Juli-Einigung zu dem EU-Wiederaufbaufonds und den Haushalt gesehen. Vor allem Angela Merkel und Emmanuel Macron gilt hier der Dank.

Deutschland kann auch sehr viel bewirken in Sachen Migration. In fünf Jahren seit „Wir schaffen das“ ist nicht viel passiert. Wir haben keine Dublin-Reform, wir haben noch immer keinen Umverteilungsmechanismus für die Flüchtlinge. Das ist nicht nur ein soziales Problem in Italien, das ist ein politisches Problem. Denn diese Jahre haben den Rechtspopulismus und euroskeptische Parteien sehr stark gemacht. Das ist auch sehr gefährlich für die Europäisches Union. Deutschland kann da eine sehr große Rolle spielen in den nächsten Jahren, um dieses Migrationsproblem zu lösen und die Populisten endlich kleiner, schwächer zu machen.

Was wünschen Sie den Deutschen abschließend für die nächsten 30 Jahre Einheit?

Mastrobuoni: Ich wünsche mir von Deutschland mehr Liebe zu Europa und mehr Vertrauen für Europa. Was ich nicht mag – auch nicht als Journalistin – ist, dass immer mit diesem Geberkomplex argumentiert wird. Ich will daran erinnern: Deutschland ist nicht der einzige Nettozahler in Europa. Auch Italien ist Nettozahler. Bis zur Coronakrise.

Bei uns gab es nie eine Debatte über die Griechenlandrettung. Bei uns gab es nie eine Debatte, dass auch unser Geld an Ungarn oder Polen fließt, das sind Nettoempfänger. Und die waren nie solidarisch zu uns in Sachen Migration. Diese Diskussion finde ich sehr schlimm für Europa.

Was ich mir wünsche, ist einfach, dass dieses Lehrerhafte ein bisschen verschwindet in den nächsten Jahren. Ich meine, Johann Wolfgang von Goethe ist nur ein Bespiel für einen Schriftsteller von großen Kulturen, der nach Italien ging, um dort Stärken und Schwächen eines Landes kennenzulernen. Natürlich rege ich mich sehr oft über die italienische Politik auf. Sie ist grottenschlecht, aber ich muss sagen, dieses Lehrerhafte hilft so überhaupt nicht in Europa. Es hilft einfach nicht weiter. Man sollte Europa mehr vertrauen. Das sage ich auch meinen Italienern.

Tonia Mastrobuoni ist seit 2014 Deutschlandkorrespondentin in Berlin - zunächst arbeitete sie für „La Stampa“, seit Februar 2016 für „La Repubblica“. Zuvor war sie 15 Jahre Wirtschaftsjournalistin unter anderem für „Il Riformista“ und freie Journalistin, unter anderem für den „Westdeutschen Rundfunk“, „RAI“ und „Reuters“. Die Italienerin mit deutschen Wurzeln studierte Literaturwissenschaften in Rom.